Das Interview
Christiaan Mol (CM) traf die Musiker aus Griechenland, Manos Achalinotopoulos (MA), Sokratis Sinopoulos (SS) und Thanasis Koulentianos (TK) in Athen (Christos Chalkias, Kirchensänger in Thessaloniki, konnte nicht am Interview teilnehmen).
CM: Herr Achalinotopoulos (MA), wer die Musik Griechendlands kennt kommt um Ihren Namen nicht herum: Sie begleiten seit vielen Jahren zahlreiche namhafte Musiker, unter anderem Eleftheria Arvanitaki, mit Ihrer Klarinette. Sie haben die Schalmei und die traditionelle Flöte Kaval sozusagen wiederbelebt. Zudem spielen Sie mit bekannten Jazz Musikern wie vor kurzem mit David Lynch, Carlie Mariano und mit Bläser-Ensembles weltweit. Das ist eine umfassende Karriere. Wie kommt Ihre besondere Verbundenheit zur autentischen aber auch individualisierten griechischen Musik zustande?
MA: Darf ich da mit einem Wort des Dichters Odysseas Elytis antworten: „Man gab mir die griechische Sprache“ „ti glossa mu edosan elliniki“.
CM: Sie wollen sagen, dass Sie so spielen, wie Sie empfinden?
MA: Genau. Mir liegt es fern mich künstlich einer Tradition zu widmen. Mir ist auch das Arbeiten mit den Elementen aus der Tradition wichtig.
CM: Letzteres haben Sie ja in Ihrer CD „Yakinthos“ (1998, Sony classical) gezeigt, in der Sie u. A. byzantinische und balkanische Motive in ganz eigener Weise kombinieren und durchgestalten. Der Kirchensänger Christos Chalkias, der eine lange Ausbildung in Athos durchgegangen ist, ist da mit Ihnen mitgegangen.
Können Sie noch etwas zu Ihrem für das mitteleuropäische Ohr doch sehr eigenen Klang Ihrer Klarinette sagen? Was ist Ihr Geheimnis?
MA: Da ist kein Geheimnis. Ich spiele mit einer ganz normalen deutschen Klarinette mit dem „Albert“ System. Ich könnte jedoch auch mit dem „Böhm“ System spielen. Die Klarinette ist ein westliches Instrument, das mit dem östlichen Gefühl durchdrungen werden kann. So können die alten griechischen traditionellen Blasinstrumente Kaval (CM: Flöte ohne ausgestaltetes Mundstück), Zourna (Schalmei), Flojera (CM: Flöte, am ehesten nahe der Blockflöte) sozusagen in die Klarinette einströmen. Der bestimmte Klang ist eine Angelegenheit der Seele. Wir nennen das „tropos“. Beim Zusammentreffen mit David Lynch spielte ich in der Pause auf seinem Saxofon. David war völlig überrascht durch den Klang, der dann zu hören war...
CM: Herr Sinopoulos, Sie stehen ebenfalls, wie MA für die konsequente Pflege und Weiterentwicklung der „Innenseite“ der griechischen Musik, aber auch für den interkulturellen Dialog mit Jazz Musikern. Sie sind da einen langen Weg mit Ross Daly, dem berühmten „englischen Griechen“ gegangen, spielen weltweit und unterrichten traditionelle Musik an der Universität in Thessaloniki. Sie spielen Laute und die „politiki Lyra“. Was ist Letzteres für ein Instrument?
SS: Die Lyra ist das traditionelle Streichinstrument aus dem ägäischen Raum: Von Bulgarien, Thrakien und dem griechischen Festland bis Kreta. Die „Politiki Lyra“ ist die Lyra, aus der Polis, der Stadt; damit ist natürlich Konstantinopel gemeint (CM Bemerkung: Die heutige Bezeichnung „Istanbul“ kommt ebenfalls aus dem Griechischen „stin poli“, „In der Stadt“.). Andere Lyras sind z.B. die kretische und die pontische Lyra (CM: Pontos ist das Gebiet an der Südküste des schwarzen Meeres). Jede Lyra sollte die Musik aus der bestimmten Region spielen. Das Instrument muss also bestimmte typische technische Möglichkeiten, die damit verbunden sind, bieten. Die „politiki Lyra“ kommt aus der Stadt und nicht aus einer bestimmten Region.
CM: Herr Koulentianos, Sie spielen die griechische Zither „Kanonaki“ und füllen mit Ihrer musikalischen Begleitung engste Räume mit blitzschnellen, sowie durchfühlten Tonleitern, bzw. patterns, aus. Es ist sehr beeindruckend für mich Ihnen zuzuhören und Ihren Fingern dabei zuzusehen.
TK: Vielen Dank für diese Rückmeldung. Ich spiele Kanonaki seit ich 14 Jahre alt bin. Die griechische Musik hat dadurch, dass sie auch kleinere Intervalle als den Halbtonschritt nutzt, eine reiche Klangfärbung. Das Kanonaki ist dafür natürlich ein geeignetes Instrument.
CM: Sie werden alle am kommenden 18. September im Rahmen der internationalen Jahreskonferenz der medizinischen Sektion gemeinsam mit Musikern, Eurythmisten und Sprachgestalter aus Deutschland auf der Bühne des Goetheanums auftreten. Es ist sicher eine Herausforderung für Sie, diese unbekannte Bühne im Rahmen einer interkulturellen Veranstaltung zu betreten. Welche Motive führen Sie ins Goetheanum?
TK: Der Geist der Musik öffnet Horizonte und dadurch ist das Unbekannte nicht mehr so unbekannt. Trotzdem bleibt es eine Herausforderung.
SS: Heute im Jahre 2010 ist Musik allumfassend wie nie zuvor. Es motiviert uns mit Künstlern aus der westlichen Kultur, die in weiten Teilen der Welt gepflegt wird, zu spielen. Dadurch eröffnen sich Aussichten auf das Leben der Musik.
MA: Heraklit sagte, dass Alles Eines ist.
CM: Was erwarten Sie und worauf freuen Sie sich?
TK: Ich freue mich, in Ihnen einen guten Freund in Deutschland gefunden zu haben, dass wir mit guten Musikern aus Deutschland zusammen spielen werden an einem schönen Ort.
SS: Ich erwarte mich wieder einmal nahe an der Musik zu fühlen. Das wird Allen, nicht nur den Musikern, eine Bemühung abverlangen. Das Publikum ist da genauso angesprochen. Das ist überhaupt der Grund warum ich Musik spiele, nicht nur für mich, sondern für die Begegnung.
MA: Ich bin mit Sokratis einverstanden. Musik hat etwas Therapeutisches für mich und vielleicht auch für das Publikum in der Begegnung. Das Kommunizieren ist für mich das Wesentliche.
CM: Was sind Ihrer Meinung nach einige der wesentlichen Charakterzüge der griechischen Musik?
TK: Für mich liegt etwas besonderes im Ausdruck: Wie können Freude und Leid im selben Stück gemeinsam existieren? Weiterhin arbeiten wir, wie schon erwähnt mit kleineren Intervallen als die Halbtöne.
MA: Griechische Musik ist eine Mischung zwischen Ost und West. Das trifft in wenigen Worten, sozusagen „lakonisch“, eine tiefe Wirklichkeit.
CM: Ich danke Ihnen für diesen Austausch. Ich wünsche Ihnen und dem Publikum am kommenden 18. September eine intensive und warme Begegnung zwischen den östlichen „Feuerkräften“ und den mitteleuropäischen „Formkräften“. Die Musiker aus Deutschland, die Eurythmisten, die Sprachgestalterin sowie die griechische Tanzgruppe, die Sie begleiten werden, bereiten sich ebenfalls intensiv auf den Abend vor. In diesem Sinne:
Lasset vom Osten befeuern, was durch den Westen sich formet.



