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Nathan der Weise

Drama von Gotthold Ephraim Lessing 

Nathan der Weise, der grosse Klassiker zum Thema Toleranz zwischen Islam, Juden- und Christentum, die 200 Jahre ältere Antithese zu Samuel Huntingtons Clash of Civilizations, der Vorschlag um Verständigung der Kulturen und Religionen.

Interview von Wolfgang Held mit Torsten Blanke, dem Regisseur der Inszenierung:

„Nathan der Weise“ als einen Hymnus auf den interreligiösen Dialog aufzufassen ist ja so alt wie das Stück selbst. Aber in dem Stück liegt noch mehr, was meist durch diese grosse Botschaft verdeckt wird. Für mich ist das z. B. die Frage, was die einzelnen Charaktere im Stück durchmachen. Jede Figur erlebt einen sehr individuellen Weg zu sich selbst. Es lohnt sich dem nachzugehen. 

Wieso?

Jede Person verabschiedet sich von Etiketten und Zugehörigkeiten zu Beruf und Glauben und sucht seinen eigenen Standpunkt zu finden – oft in Widerspruch zu dem, was man von dieser Figur erwartet oder verlangt.

Das gilt für alle Personen im Stück?

Ja, bis auf den Patriarchen. Ich nehme als Beispiel zwei kleinere Rollen: Da ist der Derwisch, der vom Sultan zum Schatzmeister erhoben wurde. Nathan fragt ihn: was willst eigentlich du? und ihm dämmert: Ich will eigentlich wieder in die Wüste und er legt sein Staatsamt nieder und verschwindet. Oder der Klosterbruder, der ursprüglich in einer Eremitage lebte und nun in Jerusalem dem Patriarchen als Spitzel dient. Nach seiner Begegnung mit Nathan löst er sich aus der Pflicht sein Gehorsamsgelübdezu erfüllen. Er verrät dem Patriarchen nicht, welcher Jude in Jerusalem ein Christenkind aufzieht. Ähnliches lässt sich auch für die anderen Figuren sagen: alle gehen einen Weg zu ihrer Identität.

Stellt Lessing damit die Autonomie des Einzelnen über die der Gemeinschaft?

Man kann dem Fremden gegenüber nur dann souverän und aufgeschlossen sein, wenn man gut bei sich ist. Bevor sich Völker und Religionen verstehen, muss der einzelne sich selbst verstehen. In unser Zeit des Individualismus klingt so etwas vertraut, dass es schon vor über 200 Jahren auftrat, finde ich grossartig. „Kein Mensch muss müssen.“ sagt Nathan. Dieses Handeln als freier Mensch, das ist der Traum. „Wenn ich einen mehr in euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu sein.“ erwidert Nathan dem Tempelherrn. Das ist die Vision einer auf den einzelnen Menschen abgestellten Gemeinschaftsbildung und Staatsidee.

Wie wird man als Zuschauer diesen Identitätsprozess wiederfinden?

Ich hoffe es. Beispielsweise in den Kostümen: Zwiebelartig soll, so unsere Idee, der Pomp eines Sultans, der ihn als Herrscher ausweisst, abfallen, bis er zum Schluss als einfacher aber charaktervoller Mohammedaner vor uns steht.

Gibt es neben dieser psychologischen Ebene der Selbstfindung auch eine spirituelle Dimension?

Was mich sehr interessiert ist die Tatsache, dass es eine Figur gibt, von der dauernd gesprochen wird, die Urheber des gesamten dramatischen Knotens ist, die aber nicht auftritt. Es ist der verstorbene Vater des Tempelherrn und der Recha. Er ist im Stück fortwährend anwesend. Lessing war überzeugt vom Gedanken der Widerverkörperung. Das wird ein Jahr, nachdem er den Nathan geschrieben hat deutlich. Die Strophen über „Die Erziehung des Menschengeschlechtes“ sind eine Perle des deutschen Idealismus. Sie gipfeln am Ende gewissermassen in einem Beweis der Idee der wiederholten Erdenleben. Das führt uns zur verborgenen Seite des Nathan der Weise und wir hoffen mit der Inszenierung am Goetheanum auch davon etwas sichtbar machen zu können.

Fotos: Charlotte Fischer
www.lottefischer.de