Nathan der Weise
Nathan ist eines der meistgespielten Stücke an deutschsprachigen Bühnen. Kein Wunder: fundamentalistische Glaubenskriege, gewalttätiger Nationalismus, die Nachrichten über den atemlos gewordenen Planeten brechen über uns herein. Toleranz und Achtung vor Menschen anderer Herkunft, ihren Lebensentwürfen, Ängsten und Idealen scheinen nötiger denn je. Lessings Spätwerk war der Vorgriff eines Visionärs, dessen unbequeme Scharfzüngigkeit und unerbittlicher Wahrheitsdrang seine Zeitgenossen aufs äusserste provozierte. Auch heute ist das Drama aus dem Jahr 1779 durch seine inhaltliche Aktualität und sprachliche Schönheit immer noch frisch und berührend.
Die Handlung findet in Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge statt, am Vorabend eines wieder aufflammenden Krieges. Das Unglaubliche wird wahr: aus erbitterten Feinden, Christen, Muslimen und Juden werden Freunde, Wahlverwandte und Geschwister - eine Menschheitsfamilie. Unermüdlich betätigt sich Nathan als Therapeut, Lehrer, Detektiv, um das Schlimmste für alle zu verhindern und das Beste für jeden Einzelnen möglich zu machen. In diesem Stück wird kein Dolch gezückt, kein Gift gemischt, kein Vertrag mit Blut unterschrieben, nicht einmal eine Ehe gestiftet. Stattdessen sind wir Zeugen von Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft, die in biografisch kritischen Situationen über sich hinauswachsen, eigene Grenzen überschreiten, Denk- und Verhaltensmuster auflösen, zu sich selbst finden. Hier liegt meines Erachtens der Schlüssel von Lessings Vision einer gelingenden Zukunft: Toleranz, echte Menschlichkeit und global verantwortliches Handeln sind das Ergebnis von persönlicher Entwicklung und umfassender Menschenbildung. Wie werde ich der Mensch, der ich sein könnte? lautet das ungeschriebene Motto des Stückes. Das alles ist von Lessing mit viel Humor gewürzt und einer zeitlosen Leichtigkeit in Szene gesetzt.
Torsten Blanke (Regisseur)
Lessing über Nathan:
„Mein Nathan ist ein Stück, welches ich schon vor drei Jahren gleich nach meiner Zurückkunft von der Reise, vollends aufs Reine bringen und drucken lassen wollen. Ich habe es jetzt nur wieder vorgesucht, weil mir auch einmal beifiel, dass ich, nach einigen kleinen Veränderungen des Plans, dem Feinde auf einer andern Seite damit in die Flanke fallen könne. Mit diesen Veränderungen bin ich nun zu Rande, und mein Stück ist so vollkommen fertig, als nur immer eins von meinen Stücken fertig gewesen, wenn ich sie drucken lassen anfing.“
Brief an Karl Lessing
„Es ist allerdings wahr, und ich habe keinem meiner Freunde verhehlt, dass ich den ersten Gedanken zum Nathan im Dekameron des Boccaccio gefunden. Allerdings ist die dritte Novelle des ersten Buches, dieser so reichen Quelle theatralischer Produkte, der Keim, aus dem sich Nathan bei mir entwickelt hat.“ Entwurf zu einer Vorrede zum „Nathan“
„Wenn man sagen wird, dieses Stück lehre, dass es nicht erst von gestern her unter allerlei Volke Leute gegeben, die sich über alle geoffenbarte Religion hinweggesetzt hätten, und doch gute Leute gewesen wären, wenn man hinzufügen wird, dass ganz sichtbar meine Absicht dahin gegangen sei, dergleichen Leute in einem weniger abscheulichen Lichte vorzustellen, als in welchem der christliche Pöbel sie gemeiniglich erblickt: so werde ich nicht viel dagegen einzuwenden haben. (...) Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück schon jetzt aufgeführt werden könnte. Aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgeführt wird.“ Entwurf zu einer Vorrede zum „Nathan“
„Es gibt aber doch wohl Kunstrichter, welche einen noch engern und zwar so materiellen Begriff mit dem Worte Handlung verbinden, dass sie nirgends Handlung sehen, als wo die Körper so tätig sind, dass sie eine gewisse Veränderung des Raumes erfordern? Sie finden in keinem Trauerspiele Handlung, als wo der Liebhaber zu Füssen fällt, die Prinzessin ohnmächtig wird, die Helden sich balgen. (...) Es hat ihnen nie beifallen wollen, dass auch jeder innere Kampf von Leidenschaften, jede Folge von verschiedenen Gedanken, wo eine die andere aufhebt, eine Handlung sei, vielleicht weil sie zu mechanisch denken und fühlen, als dass sie sich irgend einer Tätigkeit dabei bewusst wären.“ Abhandlungen über die Fabel





