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in memoriam

Durchgetragener Tonstrom

Bereits am 24. Februar hatte ‹in memoriam› am Goetheanum Premiere.  Am 9. März fand eine weitere Aufführung statt. Renatus Derbidge sieht das meditative, getragene Programm mit Gedichten von Paul Celan und mit Musik von Johann Sebastian Bach und modernen russischen Komponisten im Zusammenhang anderer Programme der Goetheanum-Bühne.

in memoriam entstand aus einem Projekt dreier Eurythmistinnen der Goetheanum-Bühne für das Solo Eurythmiefestival 2007 in Alfter – ein eher experimentelles Programm zu Musik für Bajan. Friedrich Lips spielte bereits zum Eurythmieprogramm mit Sofia Gubaidulinas ‹Sieben Worte›, woraus der Wunsch nach einer weiterführenden Auseinandersetzung mit der Klangwelt dieses Instrumentes entstand. Für ‹in memoriam› wurden – neben dem bereits existierenden Kern – klassische Kompositionen, Gedichte von Paul Celan und Nelly Sachs – zwei Dichterpersönlichkeiten, die sich in den letzten Jahren als Schwerpunkt der Bühnengruppe herauskristallisierten – sowie dem Stück ‹de profundis› von Gubaidulina aufgenommen.

Immer wieder energisch neu gebildet
Experimentell ist ‹in memoriam› in dem Sinne, dass hier neue Wege gesucht wurden, dem besonderen Atem und der Tonqualität des Bajan gerecht zu werden. Dies wurde mit ‹Sieben Worte› begonnen und hier weiter ausgelotet. Der Tonstrom kann von diesem Instrument ohne Unterbrechung durch das ganze Stück getragen werden. Es entsteht so etwas wie ein Sog. Töne gehen kaleidoskopartig ineinander über, neue Facetten entstehen und lösen sich wieder. Ballen und Spreizen als Kontinuum. Beim eurythmischen Ergreifen müssen die Töne, sobald man in sie eingestiegen ist, stets und immer energisch neu gebildet werden. So bewegen sich die Eurythmisten mit einer Dichte und Getragenheit, wie in eine Wasseratmosphäre gehüllt. Die Herausforderung besteht hierbei jedoch, im Eurythmischen zu bleiben – und das ist über große Strecken auf beeindruckende Weise gelungen.

Die Gedichte, von Barbara Mraz mit gewaltigen Gebärden, einen Ätherstrom erzeugend, der mächtig durch den Saal zieht, dargebracht, handeln vom menschlichen Kampf um die Herrschaft über das eigene Ich. Die Suche nach Halt und Wahrheit im ‹Metapherngestöber› wird im zerschlissenen Schleier mit einem Gewand, welches die Celansche Wortschöpfung «ichten» durch eine Lichtflamme aufgreift, verdeutlicht. Barbara Stutens Sprache gibt den Gedichten die nötige Eindringlichkeit. Dann kommt es wie zu einer exemplarischen Steigerung des Themas. Die Kompositionen, sofern nicht von Vladislav Solotarjov selbst, beziehen sich auf ihn beziehungsweise sind von ihm inspiriert oder ihm gewidmet. In der wunderschönen ‹Meditation› von Solotarjov, eurythmisiert von Elsemarie ten Brink, wird gezeigt, wie er mit seinem Tod ringt. Solotarjov bestand den Kampf des Ich gegen die äußeren Widerstände nicht. Im 33. Lebensjahr entschied er sich für den Freitod. Die leibliche Hülle wird mit verzweifelten Gebärden abgeschüttelt. Über die Schwelle gezwungen, wird die Verirrung und Desorientierung deutlich, doch der Weg zurück ist nicht mehr möglich. Christina Kerssen führt den Verzweiflungskampf zur Musik von Vladimir Podgorny weiter. Die Qualen des Kamaloka sind so dicht, die Orientierungslosigkeit so stark, das sich die Eurythmistin am schleierlosen Kleid festhalten muss. Kerssens Verständnis vom Bajan ist hier besonders beeindruckend. 

Mehrschichtige Farbwelten
Eine Klärung tritt erst in den sphärischen Tönen von John Cage ein. Durch reduzierte, doch rein toneurythmische Gebärde wird von Barbara Bäumler eine entrückende Stimmung verdichtet, gesteigert und schließlich erlöst. Sie zeigt, dass selbst in den härtesten Schicksalsschlägen die Aufrichtekraft siegen kann. Der Weg zur Vereinigung mit der Weltenharmonie (‹Nun kommt der Heiden Heiland› von Johann Sebastian Bach) ist geebnet. Der Choral endet mit einem Triumph – einem effektvoll umgesetzten, den Atem des Bajan verdeutlichenden Schlussakkord. Der gelungene Gesamteindruck käme jedoch nicht ohne das einfache, doch gerade deshalb so geniale Bühnenbild und ohne die Lichtkomposition von Ilja van der Linden zustande: Goldfolienflächen im Hintergrund und ein durch schwarze Ränder umgrenzter Bühnenraum bilden einen ungewohnten Anblick. Mit mehrschichtigen Farbwelten wurde die Bühne durchtönt. Die Folien nahmen, metallisch glänzend, die Farbstimmung auf. Von blausilbern kaltnachtodlich bis rotgelb warmharmonisch. Es bleibt zu hoffen, dass dieses herzberührende Programm bei der vorerst letzten Aufführung von einem breiteren Publikum wahrgenommen wird. Anders als beim Symphonie/Eurythmie-Projekt mit großem Klangraum (Orchester) und großem Ensemble ist hier ein intimer Ausschnitt der Arbeit an einem ebenfalls an der Goetheanum-Bühne lebenden Impuls erlebbar.

Renatus Derbidge

 

Fotos: Charlotte Fischer
www.lottefischer.de