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Symphonie Eurythmie 2008

Das Vorhaben, grosse Werke der Musikliteratur eurythmisch zur Aufführung zu bringen wurde durch das Zusammenwirken des Eurythmieensembles der Goetheanum-Bühne und des Else-Klink-Ensemble Stuttgart bereits in den Jahren 2004 und 2006 erfolgreich verwirklicht. Waren die Aufgaben bei der Umsetzung der Kompositionen im ersten Projekt noch klar getrennt, das gegenseitige Annähern der unterschiedlichen Eurythmie- Bewegungs- und Arbeitsstile noch zarter Versuch, kann heute von der totalen Verschmelzung der Zusammenarbeit gesprochen werden. Das gilt sowohl für die künstlerischen Leiter, Carina Schmid und Benedikt Zweifel wie auch für die Ensemblemitglieder. Raumformen werden gemeinsam entwickelt, zwei Ideen steigern sich in ein Drittes, Höheres, Größeres.

Vornehmlich sind es die zeitgenössischen Werke, die diese soziale Herausforderung herbei zitieren. Schon 2006 beim „Konzert für Klavier und Streicher“ von Alfred Schnittke wurden die Ensembles gemischt, doch jetzt ist bei der Umsetzung des Orchesterwerkes „Lamentate“ von Arvo Pärt versucht worden, den Wurf aus „einer Hand“ zu gestalten. Carina Schmid und Benedikt Zweifel konnten es sich gar nicht anders vorstellen bei diesem Werk, das eine Reaktion von Arvo Pärt auf die Monumental-Installation „Marsyas“ von Anish Kapoor im Jahr 2002 darstellt. Diese gigantische Skulptur, bei der zwei trichterförmige, mit rotem PVC bespannte Arme aus einem offenen Korpus heraus wachsen, der die Brücke zwischen den beiden Teilen der riesigen, 155 m langen, 23 m breiten und 35 m hohen Turbinenhalle des „Tate Modern“ (London) überspannt, veranlasste Arvo Pärt das, was er, durch das Anschauen ausgelöst, seelisch durchlebte, in seiner Komposition orchestral auszudrücken. Wesenhaft wirkt das überdimensionale Mahnmal auf Arvo Pärt. Bei den 10 Sätzen handelt es sich um Bilder, die mit den folgenden Seelenzuständen überschrieben sind: bedrohlich, erbarmungslos, zerbrechlich, betend, einsam, tröstlich, kreischend, klagend, entschlossen, versöhnlich.

Diese Komposition der Gegenwart verlangt nach zeitgemäßer eurythmischer Gestaltung und nach einem nicht begrenzten Bühnenraum. Verschiedene, von Peter Jackson in Zusammenarbeit mit Ilja van der Linden konzipierte Lichträume schaffen immer wieder neue Raumverhältnisse. Neben dem Sichtbarmachen der Musik durch die Toneurythmie wird das gesamte Geschehen in vielschichtigen Bildern szenisch aufgeschlüsselt. Die Offenheit, mit der die Ensemblemitglieder die auf gegenseitigem Vertrauen der beiden künstlerischen Leiter fußende Choreografie umsetzen, verlangt nach einer ebenbürtigen, intimen Beteiligung im Schauen durch das Publikum. Alle 27 Eurythmisten der beiden Ensembles sind zusammen mit Carina Schmid und Benedikt Zweifel lückenlos in das Geschehen eingebunden.

Die Skulptur ist der Ausgangspunkt, die Musik verlebendigt diese durch das seelische Erleben des Komponisten und die Eurythmie erhebt dieses zum sozialen Gesamtkunstwerk. Die szenische Situation ist so angelegt, dass der Eindruck entstehen kann, die Gesamtmenschheit befände sich auf der Bühne. Ein solches Konzept ist nur in grossen Theatern, oder gar Hallen zu realisieren. 

Bereits mit dem Herausstellen des ersten Eurythmie / Symphonie Projekts in 2004 war deutlich, dass es drei dieser Art geben wird. Somit bildet „Lamentate“ von Arvo Pärt zwar den Abschluss eines Vorhabens, doch wird dieser nicht mit einem lauten Finalakkord gesetzt, sondern endet in einer Fermate auf dem sich wie auflösend verklingenden Gis des Klaviers, als ob eine offene Frage in den Raum gestellt würde.  

In völlig anderer Dramatik stellt sich das Werk der Romantik, die Sinfonie Nr. 3 op. 56 a-moll ("Schottische Sinfonie“) von Felix Mendelssohn-Bartholdy zu Beginn des Programms in Szene. Da haben wir es mit kräftigen, starken Farben und wogenden Instrumentalgruppen zu tun. Naturgeschehen, elementarische Welt, die Mendelsohn-Bartholdy zwanzigjährig auf seiner Reise durch Schottland erleben konnte als er mit dem befreundeten Dichter Karl Klingemann die Fingalshöhle auf der schottischen Insel Staffa besuchte, spiegeln sich im Gegensatz zu Arvo Pärt hier in einer dionysischen Umsetzung durch den Komponisten wieder. Bei diesem Werk haben sich die Ensembles die Sätze aufgeteilt. 1. Satz Goetheanum-Bühne, 2. Satz Else-Klink-Ensemble, 3. Satz Else-Klink-Ensemble, 4. Satz beide Ensembles.

So wird auch in Eurythmie/Symphonie 2008 dem ursprünglichen Anliegen entsprochen, in der Programmgestaltung die Gegenüberstellung eines Werkes der Klassik bzw. der Romantik mit einem Werk der Moderne zu veranlagen.

Die Musikalische Interpretation der Werke übernimmt wieder das Orchester „Die Gnessin Virtuosen“ unter der Leitung von Mikhail Khokhlov. Das Jugendorchester der Musikakademie in Moskau verfügt über extrem begabte junge Künstler, die auch diesem Projekt eine jugendliche Spannkraft verleihen und die Internationalität dieser Koproduktion erneut aufzeigen.

Die Gewandungsentwürfe sind von Carina Schmid und Benedikt Zweifel und wurden in der Schneiderei der Goetheanum-Bühne von Helga Wirsich umgesetzt.  

Was sich in dieser Ankündigung wie selbstverständlich liest, gründet in einem intensiven, nicht immer unbeschwert verlaufenden Arbeitsprozess. Natürlich gab es die eine oder andere Krisensitzung und die finanziellen Verhältnisse sind angespannt. Man kann sich wundern, was die Künstler in der Lage sind trotzdem auf die „Beine“ zu stellen. Insgesamt werden dieses Mal wieder 85 Künstler on Tour sein.

Es sei hiermit nicht alles verraten. Das eine oder andere Geheimnis soll bleiben, damit Sie sich angeregt fühlen, eine der 26 Aufführungen zwischen dem 12. September und dem 13. Oktober zu besuchen.

Marcel Sorge (Freiburg)

Fotos: Charlotte Fischer
www.lottefischer.de

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